ZWEITER GESANG

Glorreicher fährt nicht durch das Purpurzelt
Die Sonne morgens in der obern Welt,
Als die Rivalin ihrer Strahlenspur
Die Silberbrust des Themse-Stroms befuhr.
Ein schöngeschmückter Schwarm umgab sie dicht:
Sie sah man an, die andern sah man nicht.
Sie trug ein Kreuz auf ihrer weißen Brust,
Dort küßt' es wohl ein Jude selbst mit Lust.
Die klaren Augen künden heitern Sinn,
Unstet wie sie, und immer her und hin.
Oft wird ein Lächeln, niemals mehr verschenkt,
Versagt wird jedem, keiner wird gekränkt.
Ihr Auge blendet wie der Sonne Strahl;
Und schient wie jene allen auf einmal.
Ja, wenn sie wirklich einen Fehler hätt',
Sie macht ihn durch bescheidene Anmut wett.
Und eine Schöne, fehlt sie dann und wann,
Man sieht sie kaum--und denkt nicht mehr daran.

Die Nymphe, zu der Menschheit Untergang,
Trug hinterwärts zwei Locken schön und lang.
Mit gleichen Ringeln, strebsam im Verein,
Verhüllten sie des Nackens Elfenbein.
Irrgärten waren's, drin sich Liebe fängt,
Und schwache Kette, die den Stärksten zwängt.
Man fängt der Fische und der Vögel Schar
Mit Angeln wohl und Sprenkeln, die aus Haar;
In schönen Locken fängt sich mancher Mann,
Daß ihn ein Haar der Liebsten gängeln kann.
Der Lord verehrte diese Locken heiß,
Er sah, er wünschte und begehrt den Preis.
Gewalt und List--gleich gilt ihm der Entschluß:
Er weiß nur eins: daß er sie rauben muß.
Kein Mittel scheint dem Liebenden zu schlecht:
Hab' nur Erfolg, so bist du auch im Recht.

Drum eh noch Phoebus' Fackel aufgeloht,
Fleht er den Himmel an und jeden Gott,
Amor am meisten--baute er doch gar
Ihm aus zwölf Folianten den Altar
(Romane waren's), und zu oberst fand
Aus früh'rer Zeit sich manch ein Liebespfand.
Strumpfbänder waren, seidene, glaub ich, drei
Und Handschuh auch, ein halbes Paar, dabei.
Mit Billetdoux entzündet er's alsdann
Und bläst's mit drei verliebten Seufzern an,
Fällt auf die Knie und fleht mit heißem Blick:
"Gewährt mir bald, bewahrt mir lang mein Glück!"
Der Himmel hört zur Häfte dies Gebet,
Die andre Hälfte hat ein Wind verweht.

Doch sicher nun in Morgensonnenglut
Streicht unser buntes Fahrzeug durch die Flut.    The Barge (Beardsley)
Musik umfängt mit Zauberei den Sinn
Und schmilzt melodisch auf dem Wasser hin.    The Barge (Du Guernier)
Die Welle scherzt, der Wind schläft irgendwo,
Belinda lächelt--und die Welt ist froh.
Nur nicht der Sylphe; denn, vorausgewußt,
Bedrückte schon das Unheil seine Brust.
Er ruft sogleich die Bürger seiner Welt,
Und sie versammeln sich ums Gondelzeit.
Ein luftig Flüstern streicht am Linnen hin,
Nur Windhauch scheint's dem unbelehrten Sinn.
Insektenflügel ruhn in leisem Flug
Auf kühlem Wind, auf goldnem Wolkenzug,
Durchsichtige Formen, aufgelöst in Licht,
Zerflatternd vor dem menschlichen Gesicht.
Das Luftgewand zerfließt in Winden lau,
Ein flimmerndes Geweb aus Duft und Tau,
In reichste Färbung des Gewölks getaucht,
Das Licht mit tausend Strahlen überhaucht,
Wo jeder Strahl verschiedene Farbe trägt,
Farbe, die wechselt, wenn ein Flug sich regt.
In Kreises Mitten, auf dem goldnen Mast
Saß Ariel, der königliche Gast,
Öffnet' den Purpurfittich, hob alsdann
Das azurblaue Zepter und begann:
Sylphen, Sylphiden, die ihr kamt von fern,
Feen, Elfen, Genien, hört auf euren Herrn:
Die Sphären kennt ihr, drin seit alter Zeit
Ihr Luftbewohner dienst- und wohnhaft seid.
Es wärmet sich im Äther hoch und klar,
Im weißen Dunst des Tags die eine Schar;
Im Unbegrenzten sichern sie den Kreis
Und rollen die Planeten durch ihr Gleis.
Noch andre, gröbere fangen bei dem Schein
Des blassen Monds verirrte Sterne ein.
Von Nebelwust befreien sie die Luft
Und hängen zierlich in der Iris Duft,
Bewölken schwer des Winters dunkles Zelt
Und träufeln mild den Regen übers Feld.
Noch andre überschaun der Menschen Schar
Und nehmen ihrer Weg' und Taten wahr.
Die stolzesten sind Wächter der Nation
Und stehn in Waffen, fromm um Englands Thron.
Besheidener ist, doch lustig unser Ruf,
Der uns zur Pflege aller Schönen schuf.
Wir sorgen, daß dem Puder nichts passiert
Und das Parfüm nicht seinen Schmack verliert;
Wir zaubern Farben aus des Frühlings Flor
Und aus der Iris, eh sie sich verlor
In Perlenschauern, kräuseln zart ihr Haar,
Ihr Lächeln, ihr Erröten plagt uns gar.
Ja selbst Erfindung schenken wir im Traum:
Fürs neue Kleid 'nen nie gesehen Saum!
Heut wacht, ihr Geister, schärfet euren Blick,
Der Schönsten drohet heut ein schwarz Geschick,
Ein grauses Unheil, sei's Gewalt, sei's List,
Doch blieb verborgen, was und wo es ist.
Sei's daß die Maid Dianens Satzung bricht,
Sei's eine China-Vas',--ich weiß es nicht.
Ob sie die Ehre, ob ihr Kleid befleckt,
Nicht betet oder tanzt, ward nicht entdeckt;
Ob sie ihr Herz, ob ihr Kollier verliert,
Ob Gott beschloß, da&dzlig; Shock etwas passiert?
Drum, Geister, eilt! Seid wachsam, gebet acht!
Des losen Fächers Zephiretta wacht.
Die Drops bekümmern dich, Brillante, nur,
Und Momentilla, passe auf die Uhr.
Crispina, warte du der Lieblingslock';
Und Ariel selbst wird Wächter sein für Shock.
An fünfzig Sylphen höchster Distinktion
Vertrauen wir das Schwerste, den Jupon.
Oft war der siebenfache Zaun zu schwach,
Fischbein und Reifen halfen nichts,--er brach.
Formt einen Kreis rings um die weiten Rand
Als Wache um die Saumes Silberband.
Weh Geister euch, wenn ihr der Pflicht vergeßt,
Und einer gar die Schöne ganz verläßt!
Ihr werdet sehn, wie er den Frevel büßt,
In gläsernen Behältern aufgespießt,
Getaucht in bittrer Schönheitswässer Laug',
Allzeit gezwängt in ein Schnürnadelaug'.
Mit Gummi, mit Pomaden sind verklebt
Die Flügel ihm, die er vergeblich hebt.
Alaun und Essig ziehn mit Vehemenz
Zusammen seine schrumpfende Essenz.
Ixions Qualen gleiche sein Gefühl,
Im Wirbelsturm am Rad der Kaffeemühl.
Er soll im Dampf der Schokolade glühn
Und drohend unter ihm die Brandung sprühn!
Er sprach's. Die Geister stiegen schnell und leis
Vom Tauwerk ab--umstellten sie im Kreis,
Versteckten sich in ihrer Locken Pracht:
Selbst auf dem Ohrring hält ein Sylphe Wacht,
Klopfenden Herzens, mit erschrocknem Blick
Und zitternd vor dem drohenden Geshick.


Dritter Gesang
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