DER LOCKENRAUB

EIN KOMISCHES HELDENGEDICHT VON ALEXANDER POPE

Nolueram, Belinda, tuos violare capillos;
Sed juvat, hoc precibus me tribuisse tuis.
MARTIAL

A tonso est hoc nomen adepta capillo. OVID


Mrs. Arabella Fermor
Gnädige Frau,
Es wäre eitel zu leugnen, daß ich eine Vorliebe für dieses Gedicht habe, da ich es Ihnen dediziere. Doch können Sie es mir bezeugen, daß es ursprünglich nur für die Belustigung einiger weniger jungen Damen bestimmt war, die so viel Geschmack und Laune besitzen, nicht nur über sie kleinen, für gewöhnlich unbeachteten Torheiten ihres Geschlechtes zu lachen, sondern auch über ihre eigenen. Da man aber das Gedicht unter der Hand als Geheimnis mitteilte, so fand es bald seinen Weg in die Welt. Ein Buchhändler erhielt eine unvollständige Kopie angeboten; und Sie waren gutmütig genug, meinethalben der Veröffentlichung einer korrekteren Ausgabe zuzustimmen; hierzu wurde ich gezwungen, bevor ich meinen Plan erst halb ausgeführt hatte; denn die Maschinerie, die es vervollständigen sollte, fehlte ganz und gar.

Eine Maschinerie, gnädige Frau, ist ein Ausdruck, den die Kritiker erfunden haben, um die Aufgabe zu bezeichnen, die den Göttern, Engeln oder Dämonen in einem Gedichte zufällt; denn die alten Dichter gleichen in einer Hinsicht den Damen unsrer Zeit: ein Begebnis mag an sich noch so unbedeutend sein, sie machen immer eine Haupt- und Staatsaktion daraus. Diese Maschinen entschloß ich mich nun auf einer sehr neuen und wunderlichen Grundlage zu errichten, nämlich der rosenkreuzerischen Geisterlehre.

Ich weiß, es ist nicht sehr höflich, wenn man gelehrte Worte vor einer Dame gebraucht: aber dem Dichter ist nichts wichtiger als die Gewißheit, seine Werke verstanden zu sehen--vor allen Dingen von dem schönen Geschlect; und so müssen Sie mir schon erlauben, daß ich Ihnen zwei oder drei schwierigere Termini erkläre. Die Rosenkreuzer sind ein Volk, mit dem Sie bekannt werden müssen. Die beste Nachricht von ihnen habe ich in einem französischen Buch "Le Comte de Gabelis" gefunden, dessen Titel und Format so sehr auf eine Novelle schließen lassen, daß manche Schöne es aus Versehen dafür gelesen hat. Nach der Behauptung dieser Herrschaften sind die vier Elemente von Geistern bewohnt, die als Sylphen, Gnomen, Nymphen und Salamander voneinander unterschieden werden. Die Gnomen oder Dämonen der Erde gefallen sich in allerlei Bosheit: aber die Sylphen, deren Wohnung die Luft ist, sind die besten Geschöpfe von der Welt. Denn man sagt, jeder Sterbliche könne mit diesen liebenswürdigen Geistern die allerintimsten Vertraulichkeiten unterhalten, wenn er eine Bedingung innehält, die allen wahren Adepten sehr leicht fällt, nämlich die der unverletzen Keuschheit.--Was die folgenden Gesänge anbetrifft, so gehören alle ihre Teile ebensosehr ins Fabelreich, wie die Vision zu Beginn des Gedichtes oder die Apotheose am Schluß (außer dem Verlust Ihres Haares, dem überall die schuldige Ehrfurcht gezollt wird). Die menschlichen Personen sind ebenso erdichtet wie die luftigen; und Belinda, wie sie jetzt erschient, gleicht Ihnen veilleicht an Schönheit, sonst as nichts.

--Wenn dies Gedicht ebenso schön und anmutig wäre wie Ihr Äußeres oder Ihr Herz, so dürfte ich dennoch nicht hoffen, daß es auf seinem Gang in die Welt nur halb so unbescholten bleibe als Sie. Doch möge sein Geschick sein, was es will, meines ist glücklich genug, da es mir diese Gelegenheit verschafft, Ihnen zu versichern, daß ich, gnädige Frau,

mit der aufrichtigsten Hochachtung
Ihr gehorsamster
und ergebenster Diener bin,
A. POPE.

Erster Gesang
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